• Home
  • Category: Bericht

Bulgarien auf dem Scheideweg

Für viele, so genannte Rest Europäer wird Bulgarien, eine unbekannte Größe sein. Obwohl das Land, von fast allen deutschen Flughäfen aus, in etwa 2 ½ Stunden zu erreichen ist, ist es für viele Europäer, nach wie vor, ein Land von dem sie sich schwer vorstellen können, es zu besuchen. Einmal abgesehen, von den diversen Schwarzmeer Destinationen, von denen man aber nur abraten kann. Nicht zuletzt die Region, die den vielversprechenden Titel „Golden Beach“ oder zu Deutsch „Goldstrand „ trägt. Während der Sommersaison, könnte man sich an die mallorkinischen Playa de Palma, versetzt fühlen. Grölende, meist betrunkene jugendliche Besucher die es sich an meist überfüllten Stränden, bequem machen, sprich: „Ihren Rausch ausschlafen“.

Das aber ist nicht das echte Bulgarien. Das echte Bulgarien , zeichnet sich vor allem durch Authentizität aus. Zumindest in den ländlichen Regionen. Was man sieht, das bekommt man auch. Gerade das, ist aber der schwierige Punkt. Vor allem für die Bevölkerung selbst. Zu einem gewissen Teil, hat die westliche Marktwirtschaft, also das Wirtschaftssystem a la Europa, Einzug gehalten. Zum anderen, steht das Land noch mit einem Bein im ehemaligen kommunistischen Wirtschafts-,Handels- und Verhaltenssystem. Es scheint, als könne das Land mit den neuen gegebenen Möglichkeiten noch nicht so recht etwas anfangen. Wie sollte es auch.

Ein Land zwischen Luxus und Hunger

Dazu ein Beispiel in Form dieser Bewertung. In den größeren Städten wie Sofia, Plovdiv oder Stara Zagora, in Zentralbulgarien, trifft man allerorts Produkte aus dem Westen. Man sieht hier genauso Luxusmodelle wie BMW und ähnliche Marken, wie auch Apple und Co. Wenige Kilometer weiter, findet man Familien, die unter Hunger leiden und ihre Kinder zum Betteln oder Stehlen schicken müssen. Aber selbst in größeren Städten, ist Armut allerorts anzutreffen. Ohne die eine oder andere Hilfe der örtlichen Kirchen, wäre es manchem Pensionisten nicht möglich zu überleben. Oft stehen gerade diese, Jahr für Jahr vor der Entscheidung, ob sie ihre ohnedies mickrige Pension, für Kohle oder Lebensmittel verwenden sollen. Beides könnten sie sich niemals leisten. Oder die Situation mancher Familien, die auf dem Land leben. Vor allem jene von sozialen Randgruppen , wie die der Roma oder Sintis. Kinder werden dort von Hof zu Hof geschickt, um zu betteln. Ein geschenktes Ei und Brot, stellt für sie oftmals schon einen guten Tag dar. Auf dem Land ist das Verheiraten von Kindern keine Seltenheit. Oft sind es kinderreiche Familien, die sich noch nicht mal leisten können, ihre Kinder zu ernähren. In außerstädtischen Regionen gibt es(welches natürlich von offizieller Seite abgestritten wird) Versteigerungen, bei denen Kinder zum Höchstgebot, verkauft werden. Oftmals sind dabei weibliche Kinder die Leidtragenden.

Bulgarien, die unbekannte Schöne

Wenn, man das echte und wirkliche Bulgarien kennen lernen möchte, sollte man nach Zentralbulgarien reisen. Vor allem in die Region zwischen Sevlievo, Gabrovo und Plovdiv. Und dort, vor allem die ländlichen Gebiete besuchen. Weite, relativ unberührte Natur, die sich durch bewaldete Hügelketten und sanfte Ebenen auszeichnet. Menschenmassen ausgeschlossen. Außer man gerät gerade in eines der beliebten Volksfeste. Überhaupt sind die Waldbestände, weitgehend unbeschadet. Der dortige Wald dient vor allem als Holzlieferant für die heimische Bevölkerung, und ist ein Ort, in dem es noch reichlich Wild gibt. Kilometerlang kann man hier durch den Wald schlendern und die Natur genießen. Bulgarien wäre auch ohne seine landwirtschaftlich benutzten Flächen, nicht Bulgarien. Nicht zuletzt diese Kornkammern, haben das Volk schon über die eine oder andere Hungersnot hinweg geholfen.

Bulgarien zwischen den Stühlen

Wenn man in das Landesinnere fährt, wird man oft Menschen begegnen, die es sich grundsätzlich schwer tun, sich anderen Menschen zu öffnen. Das hat seinen Grund. Das Land, das gerade erst im Begriff ist, sich zu öffnen, stand jahrzehntelang unter dem eisernen Regime Russlands. Auch heute noch, bedingt durch seine Lage, wird Bulgarien noch mehr dem „Osten“, also dem russischen Machtbereich, zugerechnet. Nicht ganz zu unrecht. Bulgarien steht nach wie vor, unter dem wirtschaftlichen, religiösen und politischen Einfluss Russlands. Ist es doch sozusagen, die zweite Außengrenze Russlands. Stellenweise kommt man sich vor, als befände man sich in der DDR, vor dem Mauerfall. Diese Tatsache, macht sich auch an den Menschen bemerkbar. Viele der Landbewohner, aber auch der Kleinstadtbewohner, sind mitunter nur sehr schwer zugänglich. Man hat den Eindruck, das man den Ausländern, nach wie vor nicht so recht, traut. Man kann ohne Zweifel, von einer Mischung von Missgunst und Misstrauen sprechen. Vor allem, wenn man aus dem „ach so reichen“ Westen Europas kommt. Der eine oder andere westliche Besucher wird ein Lied davon singen können. Wenn man zum Beispiel zu jenen gehört, welche sich ein Haus oder ein Apartment gekauft haben und welche, kurze Zeit später dahinter gekommen sind, das sie kräftig über das Ohr gehauen wurden. Das Lebensmotto, das man zuerst danach trachten muss zu überleben, ist überall anzutreffen und leider nur allzu wahr. Die Liste der Geschädigten, ist endlos lange. Weshalb es sich auch lohnt, einen die eigene Sprache sprechenden, Anwalt zu Rate zu ziehen, sollte man die Absicht haben, in Bulgarien Haus mit Grund und Boden, oder ähnliches zu erwerben. Tatsache ist das die bulgarischen Immobilienpreise, weit, manchmal sogar sehr weit, unter dem mitteleuropäischen Niveau liegen. Das unterschiedliche Preisniveau ist aber nicht nur bei Immobilien anzutreffen. Ebenso bei den tagtäglichen Produkten, also zum Beispiel Lebensmitteln. Welches allerdings nur bei den einheimischen Produkten gilt, welche übrigens von hervorragender Qualität sind. Bei ausländischen Lebensmitteln und anderen Produkten und Gütern, kann man allerdings fast mit dem gleichen Preislevel, wie im „restlichen Europa rechnen.

Die Mentalität der Bulgaren

Der Kommunismus, welcher den Bulgarien, anno dazumal, aufgebrummt wurde, hat die Menschen in Bulgarien zutiefst geprägt. Das Spitzelsystem hat hier genauso sein Unwesen getrieben wie in er ehemaligen DDR oder Russland selbst. In jeder Gemeinde, gab es den einen oder anderen der als Horchposten eingesetzt wurde um zu sehen ob man getreu dem Staat sein Leben verrichtete. Auch heute noch, kann man sehen wie die Menschen auf alles Neue und auf jeden Neuen, mit Misstrauen reagieren. Obwohl es auch hier, gravierende Gegensätze gibt. Auf der einen Seite, gehören die Bulgaren zu den gastfreundlichsten Menschen, die man auf diesem Planten antreffen wird. Auf der anderen Seite, ist der Bulgare ein Mensch, der sich nur ungern „in die Karten schauen“ lässt. Erst recht, von jemanden den man nicht kennt. Es wird zuerst abgewogen, ob man eventuell einen Vorteil aus einer Begegnung ziehen kann und wie weit man sich dabei vorwagen kann, ohne zu viel von sich preiszugeben. Ein Resultat der ehemaligen kommunistisch geprägten Mentalität. Diese Art des Denkens, wurde den Bulgarien seinerzeit von den russischen Invasoren regelrecht eingebläut.

Ein so wunderschönes Land wie Bulgarien steht gerade jetzt am Scheideweg, ob es sich öffnen möchte. Wobei es noch, mit einem Bein im alten Denken verharrt, während es, mit dem anderen Bein, Millimeter für Millimeter, nach vorne tastet. Nicht wissend, was es eigentlich zu erwarten hat.

Die Zukunft Bulgariens

Bulgarien gehört mit zu den ärmsten Ländern in Europa. Armut und Hunger sind nach wie vor die ständigen Begleiter von viel zu vielen Menschen. Die Mentalität ist nach wie vor vom ehemaligen Spitzelsystem beeinflusst, welches es dem durchschnittlichen Ausländer schwer macht, den „wirklichen Bulgaren“ kennen zu lernen. Zur gleichen Zeit, wie könnte es auch anders sein, hält in gewissen Regionen, die Marktwirtschaft, in welcher der maximale Profit das Höchste ist, rasanten Einzug. Es wäre genügend Land vorhanden das bewirtschaftet werden könnte und das wesentlich zum Aufbau des Landes beitragen würde. Auf der anderen Seite, fehlt es an modernen Methoden um das zu tun. Die Industrie des Landes liegt praktisch am Boden. Die ehemaligen Hauptauftraggeber, wie zum Beispiel Russland, welches der Hauptauftraggeber der Stahl und der Rüstungsindustrie war, hat fast sämtliche Fabriken geschlossen. Ausländische Unternehmer haben das Potential des Landes und dessen Zukunftsträchtigkeit entdeckt. Ob daraus ein gesundes Unternehmertum entstehen kann, ist nicht zuletzt von der administrativen Struktur abhängig. So sind Bestechungen sind nach wie vor und überall gang und gebe. Nicht zuletzt bei den lokalen Regierungsstellen. Die Kleinunternehmer, welche zahlreich sind, können mit ihren oft minderwertigen Waren und dem viel zu kleinen Angebot, keinen nennenswerten Profit erzielen.Oftmals reicht das Einkommen eines solchen Kleinunternehmens gerade dazu, um seine Familie zu ernähren. Der Wille aber, auch mit kleinen und kleinsten Mitteln etwas zu erreichen, ist definitiv vorhanden.

Enormes Potential trifft beengtes Denken

Das das Land Bulgarien, ein enormes Potential aufweist, wird niemand bestreiten können. Ob es daraus etwas machen kann, hängt nicht zuletzt vom Einfluss, ausländischer Geldgeber und Innovatoren als auch vom nötigen politischen Druck der EU ab. Die Mentalität, welche das Land nach wie vor so prägend beeinflusst, muss sich einer Wandlung unterstellen da es ansonsten zu einer zu einer Konfrontation kommen würde, die dem wirtschaftlichen, sozialen und politischen Leben, mehr Schaden als Gewinn bringen würde. Einfach ausgedrückt muss Bulgarien lernen mit der Zeit zu gehen, da ansonsten die Zeit mit dem Land geht. Wenn aber, das rechte Mittelmaß, zwischen Authentizität und Fortschritt gefunden wird, so hat Bulgarien, eine bedeutende Zukunft zu erwarten. Nicht nur im wirtschaftlichen Bereich.